Silberweiß
Sep. 26th, 2001 12:46 pm"Die kalte Brise zauste Jorgs Haare, als er nach draußen in die Nacht trat. Der Himmel war sternenklar und das Meer lag ruhig, versilbert vom zunehmenden Mond. Ein guter Abend um das nur im Dunkeln blühende Bleichkraut zu sammeln, dachte er sich, und schulterte seinen Beutel. Jorg war Fischer und lebte allein hier am Strand, nur einmal die Woche ging er in die Stadt um einzukaufen. Die Fische, die er fing wurden abgeholt, die Netze, die rissen flickte er selbst und auch um sein Boot kümmerte nur er sich. Keine Frau wartete in der Hütte auf seine Rückkehr, kein Kinderlachen war zu hören, wenn er Fundstücke mit nach Hause brachte.
Die Schritte des großen Mannes waren kaum zu hören, auf dem Sand, nur wenn man ganz genau lauschte... Er war kein lauter Mensch, selbst in der Stadt sprach er wenig, manche hielten ihn gar für tumb, aber das war er nicht. Es gab nur einfach nicht viel, über das zu reden sich lohnte. Oder es war schlichtweg niemand da, mit dem Jorg seine Gedanken teilen wollte.
Doch das sollte sich an diesem Abend ändern.
Langsam, gemütlich geradezu wanderte er von Bucht zu Bucht und sammelte das silberweiß leuchtende Bleichkraut ein, das er finden konnte. Als er sich erneut bückte hörte er ein Plätschern und richtete sich wieder auf, um sich umzusehen. Nicht weit von ihm, vor der nächsten Bucht, war eine Gestalt im Wasser, die auf den Strand zuschwamm. Eine Robbe wahrscheinlich, dachte Jorg, und wunderte sich ein wenig, was sie allein hier machte, um diese Zeit. Er kam ein Stück näher und blieb dicht bei einem großen Felsen stehen, wie sie hier das ganze Küstenstück säumten, so dass man ihn nicht gut sah.
Wie sich bald herausstellte war es keine Robbe, den die Gestalt erhob sich, als das Wasser seicht wurde und lief - auf zwei menschlichen Beinen - zum Trockenen hin.
Jorg stockte der Atmen.
Silbriges kurzes Haar umrahmte ein Gesicht so schön wie der Gesang der Sirenen, milchweiße Haut glänzte nass dem schlanken Körper schmeichelnd. Elegant und geschmeidig waren die Schritte, die den jungen Mann an Land brachten, dunkel wie Kohle die Augen im vom Mond beschienen Antlitz.
Solche Vollkommenheit hätte wohl in jedem den Wunsch geweckt, sie für immer bei sich zu bewahren.
Ein wenig enger an den Stein gedrückt beobachtete der Fischer, wie der junge Mann einen Moment reglos im Sand stand und die Nacht begrüßte. In der Hand trug er einen Sack oder ein Tuch, vielleicht Kleidung, das war nicht zu erkennen. Nach wenigen Augenblicken ließ er es fallen, es glitt ihm aus der Hand, als habe er es vergessen, einfach so. Wie am Faden gezogen lief er los, strebte den Strand hinauf zum Wald, der hier bis ans Meer stand.
Noch gefangen von dieser Schönheit blieb Jorg stehen, unbemerkt, bis seine Beine ihm wieder gehorchten und ihn zu dem achtlos liegengebliebenen Stoff trugen.
Der hellen Gestalt nachsehend hob er es auf, am grübeln, wie er den jungen Mann ansprechen sollte, war er doch so wenig geübt in Zwischenmenschlichem. Ob er ihn einfach grüßen sollte und es würde sich schon etwas ergeben? Was, wenn er scheu war und davonlief? Was, wenn... Irritiert blickte Jorg auf das, was er in der Hand hielt: Ein silbrig schimmerndes Robbenfell.
Ein seltsames Gefühl, das er nicht in Worte, nicht einmal in Gedanken zu fassen vermochte zog Jorg einen Moment das Herz zusammen. Kurzerhand steckte er das Fell in seinen Beutel und folgte den Spuren im Sand hinein in den Wald."
Die Schritte des großen Mannes waren kaum zu hören, auf dem Sand, nur wenn man ganz genau lauschte... Er war kein lauter Mensch, selbst in der Stadt sprach er wenig, manche hielten ihn gar für tumb, aber das war er nicht. Es gab nur einfach nicht viel, über das zu reden sich lohnte. Oder es war schlichtweg niemand da, mit dem Jorg seine Gedanken teilen wollte.
Doch das sollte sich an diesem Abend ändern.
Langsam, gemütlich geradezu wanderte er von Bucht zu Bucht und sammelte das silberweiß leuchtende Bleichkraut ein, das er finden konnte. Als er sich erneut bückte hörte er ein Plätschern und richtete sich wieder auf, um sich umzusehen. Nicht weit von ihm, vor der nächsten Bucht, war eine Gestalt im Wasser, die auf den Strand zuschwamm. Eine Robbe wahrscheinlich, dachte Jorg, und wunderte sich ein wenig, was sie allein hier machte, um diese Zeit. Er kam ein Stück näher und blieb dicht bei einem großen Felsen stehen, wie sie hier das ganze Küstenstück säumten, so dass man ihn nicht gut sah.
Wie sich bald herausstellte war es keine Robbe, den die Gestalt erhob sich, als das Wasser seicht wurde und lief - auf zwei menschlichen Beinen - zum Trockenen hin.
Jorg stockte der Atmen.
Silbriges kurzes Haar umrahmte ein Gesicht so schön wie der Gesang der Sirenen, milchweiße Haut glänzte nass dem schlanken Körper schmeichelnd. Elegant und geschmeidig waren die Schritte, die den jungen Mann an Land brachten, dunkel wie Kohle die Augen im vom Mond beschienen Antlitz.
Solche Vollkommenheit hätte wohl in jedem den Wunsch geweckt, sie für immer bei sich zu bewahren.
Ein wenig enger an den Stein gedrückt beobachtete der Fischer, wie der junge Mann einen Moment reglos im Sand stand und die Nacht begrüßte. In der Hand trug er einen Sack oder ein Tuch, vielleicht Kleidung, das war nicht zu erkennen. Nach wenigen Augenblicken ließ er es fallen, es glitt ihm aus der Hand, als habe er es vergessen, einfach so. Wie am Faden gezogen lief er los, strebte den Strand hinauf zum Wald, der hier bis ans Meer stand.
Noch gefangen von dieser Schönheit blieb Jorg stehen, unbemerkt, bis seine Beine ihm wieder gehorchten und ihn zu dem achtlos liegengebliebenen Stoff trugen.
Der hellen Gestalt nachsehend hob er es auf, am grübeln, wie er den jungen Mann ansprechen sollte, war er doch so wenig geübt in Zwischenmenschlichem. Ob er ihn einfach grüßen sollte und es würde sich schon etwas ergeben? Was, wenn er scheu war und davonlief? Was, wenn... Irritiert blickte Jorg auf das, was er in der Hand hielt: Ein silbrig schimmerndes Robbenfell.
Ein seltsames Gefühl, das er nicht in Worte, nicht einmal in Gedanken zu fassen vermochte zog Jorg einen Moment das Herz zusammen. Kurzerhand steckte er das Fell in seinen Beutel und folgte den Spuren im Sand hinein in den Wald."
(no subject)
Date: 2001-09-26 11:34 am (UTC)